
Jetzt ist die Zeit des Wahrnehmens und Spürens. -Wie fühlt es sich an, nachdem ich losgelassen habe? Wie stark ist deine Schräglage eigentlich noch?
„Ich sehe, wo ich stehe. Ich nehme meine Gefühle und Bedürfnisse wahr und benenne sie. Ich beginne, für mich selber zu sorgen.“
Es kann übrigens sein, dass du überrascht feststellst, dass du in Deinem Leben bereits viele Kompetenzen entwickeln konntest, deine Bedürfnisse zu leben. Du hast sie vielleicht nur noch nie innerhalb deiner Beziehung angewendet.
Vielleicht hast du z.B. im beruflichen Kontext schon ganz gut gelernt, dafür zu sorgen, dass Du bekommen kannst, was Du brauchst. Sei es, dass Du Bescheid gibst, dass du einen neuen Monitor brauchst, weil der alte den Geist aufgibt. Vielleicht hast Du Glück, und dein Bedürfnis kann umgehend gestillt werden. Vielleicht ist aber auch so schnell kein neuer Monitor verfügbar, und dann wird sich sicher erst einmal eine andere Lösung finden. In jedem Fall findest du einen guten Umgang mit der Situation.
Oder du erlebst in ganz anderen Kontexten – beim Sport in deinem Verein, in der Band-Probe, bei der Pflege von Angehörigen, wo auch immer – dass du deine Bedürfnisse zum Ausdruck bringen kannst, und deinen Umgang damit findest, ob und wie deinen Bedürfnissen entsprochen wird. Und vielleicht stellst Du überrascht fest, dass sich das auf deine Partnerschaft übertragen lässt. Dass Du auch in Deiner Partnerschaft Deine Bedürfnisse klar zum Ausdruck bringen kannst, und deinen Umgang damit findest, mit der Situation gut umzugehen.
Es kann aber genauso gut sein, dass deine alte Schräglage nun genauso schmerzhaft spürbar ist, wie du sie schon dein ganzes Leben empfunden hast.
Dann ist jetzt – wo du den ersten Schritt gegangen bist, wo du die Verantwortung für deine Bedürfnisse zu dir nimmst – der richtige Zeitpunkt, mit möglichst liebevollem Blick dir selbst zu begegnen. Wenn dir der liebevolle Blick auf dich selbst schwer fällt, probiere es zumindest mit einem interessiert zugewandten Blick auf dich selbst.
Jetzt ist die Gelegenheit für dich, noch einmal bewusst zu schauen: Was waren eigentlich noch einmal die herausragendsten Aspekte an deiner Partnerin/ deinem Partner, in die du dich verliebt hast? Lies dir dazu gern noch einmal das erste Kapitel „Verliebt – was passiert da eigentlich“ durch. Welches deiner elementaren Grundbedürfnisse wurde in deinem Heranwachsen möglicherweise nicht ausreichend genährt?
Vielleicht findest du heraus, dass die abenteuerlustige Art deiner Partnerin, in die du dich einst verliebt hast, viel damit zu tun hat, dass du als Kind in deinem Bedürfnis nach Autonomie, nach Lebendigkeit und Lebenslust viel Einschränkung erlebt hast. Dann kann es sein, dass du die Nähe eines abenteuerlustigen Menschen gesucht hast, um die Erfüllung dieses offen gebliebenen Bedürfnisses in dein Leben zu holen.
Vielleicht findest Du heraus, dass du an der Ruhe und Gemütlichkeit deines Partners/deiner Partnerin „angedockt hast“, einfach weil du in instabilen Verhältnissen aufgewachsen bist, und sich bei deinem Partner die Sehnsucht nach Geborgenheit und Sicherheit gestillt gefühlt hat.
Es kann sein, dass es nicht gleich offensichtlich vor dir liegt, wie genau bei dir die Zusammenhänge sind zwischen den Aspekten deines Partners, in die du dich verliebt hattest und uralter offen gebliebener Sehnsucht. In jedem Fall es lohnt sich, dieser Spur nachzugehen. Denn wenn du deine Sehnsucht kennst, kannst du dieser Spur folgen. Dann kannst du herausfinden, wie diese Sehnsucht einst entstanden ist und welche deiner elementaren Grundbedürfnisse einst zu wenig genährt worden sind.
Und das allerbeste: Du kannst neue Wege finden, SELBST der Erfüllung Deiner Sehnsüchte und Bedürfnisse nahezukommen! Ohne davon abhängig zu sein, ob Dein Partner sie Dir erfüllen kann und will.
Folge dieser Spur mit neugierigem Interesse für dich selbst und mit liebevoller Zugewandtheit. Es geht dabei nicht darum, dich eines Mangels „zu überführen“. Es geht nicht darum, zu ergründen, wo du noch nicht „richtig“ bist. Ganz im Gegenteil! Es geht dabei um den emphatischen Blick auf dein Gewordensein, die oder der du bist. Und es geht darum, herauszufinden, welche Muster, welche Überlebensstrategien dir in deinem Leben einst geholfen haben, der Nährung deiner grundlegendsten Bedürfnisse näher zu kommen. Und welche Muster, welche Vermeldungsstrategien du entwickelt hast, um der Verletzung deiner Grundbedürfnisse zu entgehen? Wie hilfreich waren sie früher? Und wie dienlich sind sie in deinem Leben heute?
Es geht hier an dieser Stelle um DICH! Dich und Deine Bedürfnisse sehen zu lernen, und vor allem würdigen zu lernen. Ja, dazu zu sagen, dass DU diese Bedürfnisse hast.
Und es geht darum, die gute Absicht für DICH zu erkennen, die hinter deinen Mustern und Strategien steckt. Denn absolut alles, was Du tust, folgt in letzter Konsequenz eine positive Absicht für dich selbst.
Denn Leben funktioniert so. Es kann gar nicht anders.
Sich das bewusst zu machen, kann dir helfen, dich nicht mehr selbst zu verurteilen oder abzuwerten für Aspekte deines Seins, für Muster, Verhalten, Eigenschaften, die sich heute als nicht mehr lebensdienlich erweisen.
Du hast sie in früheren Zeiten als die Überlebensstrategien in der Form ausgeprägt, die dir zum jeweiligen Zeitpunkt möglich waren. Sie haben dir – um es einmal drastisch auszudrücken – vielleicht sogar „den Arsch“ gerettet.
Es gibt also keinen Grund, sich für Aspekte seines Seins falsch zu fühlen.
Im Gegenteil: Du hast allen Grund, dich bei allen Aspekten deines Seins, die du erkennst, zu bedanken, dass sie dich bis hierhin getragen haben.
Dieser freundlich zugewandte Blick auf dich und die Aspekte deines Selbst, lässt dich viel leichter erkennen, welche positive Absicht für dich selbst hinter einem Muster, einem Verhalten steckt, und welches Bedürfnis sich dahinter zeigt.
Mit freundlich und neugierig zugewandtem Interesse lässt es sich viel leichter erkunden, ob alte Strategien, die früher im Rahmen deiner Möglichkeiten hilfreich waren, das heute auch noch sind, oder ob Du – der positiven Absicht für Dich selbst folgend – heute ganz andere, heute viel lebensdienlichere Strategien und Wege finden kannst, um für Deine Bedürfnisse zu sorgen.
Hast Du zum Beispiel bisher deine Ruhe und Geborgenheit darin gefunden, dass Deine Partnerin sie Dir gegeben hat, und deine alte Strategie war, ihr möglichst alles recht zu machen, damit sie dich auch weiterhin lieb hat, stellst du jetzt vielleicht fest, dass du Ruhe und Geborgenheit in dir selbst findest, indem du auch mal Nein sagst, wenn du spürst, dass du etwas nicht willst. Einfach, weil es legitim ist, etwas auch mal nicht zu wollen.
Oder wenn es die Abenteuerlust Deines Partners war, die dich hat lebendig fühlen lassen, findest du auf einmal heraus, wie viel Lebendigkeit und Autonomie darin stecken kann, einmal die Komfortzone zu verlassen.
Kurz: du wendest dich dir selbst zu, findest deine ureigenste Mitte und gehst auf diese Weise den Weg des
In die Liebe Kommens – und zwar zuerst mal für dich selbst.
Was wir dir mit großer Sicherheit sagen können: Dieser Weg führt dich in deine Mitte. Statt dich nur dadurch in deiner Mitte zu fühlen, dass jemand anderes dich in deiner Schräglage stützt, BIST du mit der Zeit immer mehr IN deiner Mitte. Dieser Weg schenkt dir wachsende Eigenständigkeit und Freiheit UND zunehmende Verbundenheit.
Denn dieser Weg macht es dir möglich – vielleicht wie nie zuvor – deine Partnerin/deinen Partner ganz zu sehen.
Und sogar: dich in ihr/ihm wiederzukennen.
Davon sprechen wir in der nächsten Folge unserer Blog-Reihe „Verliebt, verlobt, verheiratet, und dann?“






1. Kapitel unserer Blog-Reihe „Verliebt, verlobt, verheiratet, und dann?