
Völlig klar: schon unser Körper definiert sich über seine Grenzen. Unsere Haut bildet ganz natürlich eine Begrenzung unseres Körpers. Ohne Begrenzung würden wir unsere Gestalt und unser Gefühl für uns selbst verlieren. Wenn wir z.B. in einem Auto sitzen, sind wir darüber hinaus sogar in der Lage, „unseren Raum“ bis zu den Grenzen der Autokarosserie auszuweiten.
Und wir reagieren verständlicherweise empfindlich, wenn jemand die Grenzen gegen unseren Willen übertritt, etwa, wenn uns jemand in den Kofferraum fährt, oder auch nur beim Spurwechsel zu nahe kommt. Gleichwohl freuen wir uns vielleicht auch, wenn wir nicht alleine Auto fahren, sondern einen freundlichen Menschen zur Mitfahrt in unseren Raum einladen können.
An diesem Beispiel wird klar:
Es braucht Grenzen.
Du bist ein ganz eigener Mensch. Ein Mensch mit eigenen Grenzen, aus denen heraus du deinen eigenen Raum gestaltest, den du für sich alleine hast, aber in den du auch andere Menschen einladen kannst, wenn du möchtest. Und erst das Bewusstsein für deinen eigenen Raum macht es möglich, zu unterscheiden zwischen„Dies hier ist mein eigener Raum“
und
„Das ist unser gemeinsamer Raum.“
Diese Unterscheidung ist wichtig!
Denn ohne ein klares Gefühl für deinen eigenen Raum lassen sich auch willkommene gemeinsame Räume nicht gestalten!
Um beim Autovergleich zu bleiben:
Dann spürst du nicht mehr klar, ob dein Gegenüber gerade unwillkommen in deinen Kofferraum gerauscht ist oder freundlich eingeladen als dein Mitfahrer auf dem Sitz neben dir dich in deinem Raum begleitet.
Darum ist es wichtig, Räume zu gestalten
Wenn wir mit Blick auf Beziehung von Räumen sprechen, so meinen wir damit:
- innere Räume, also sinnbildliche Räume, z.B. bist du ein eigener individueller Mensch mit ganz eigenen Gedanken, Bedürfnissen und Wegen, diesen zu folgen.
- äußere Räume, also die reale Umgebung: z.B. die Zimmer der gemeinsamen Wohnung, oder auch nur ein Bereich innerhalb eines Zimmers, z.B. ein Arbeitsplatz, ein Lesesessel, …
- Zeiträume, innerhalb dessen innere und äußere – eigene und gemeinsame -Räume gestaltet werden.
Fange also am Besten damit an, dir deinen eigenen Raum bewusst zu machen.
Nimm dir hierfür doch einmal ein Stündchen Zeit für dich.
Lege dir einen Stift und ein Blatt Papier zur Hand und schreibe auf, was dir dazu einfällt: Wenn du auf deine eigenen Bedürfnisse blickst, auf das, was du gerne tust, was dir wichtig ist, was du allein tuen willst oder auch musst, und worüber du dich freust, es in Gemeinschaft zu machen.Solch eine Liste kann dann z.B. so aussehen:
Was auch immer deinen persönlichen Bedürfnissen und Wichtigkeiten entspricht: schreib es es auf.
Du siehst schon: wenn du einmal bewusst darüber nachdenkst, ergibt sich fast von selbst, wo du gern Zeit und Raum für dich alleine haben möchten, und wo du dich über gemeinsame Zeit und gemeinsamen Raum freust.
Nun hast du schon eine gute Grundlage für die
Gestaltung des äußeren Raumes:
Zeichne doch einmal den Grundriss der gemeinsamen Wohnung auf.
Was erlebst du in den verschiedenen Bereichen eurer Wohnung?
Nimm verschiedenfarbige Stifte zu Hand und tragen in die Grundrisszeichnung ein:
Wo in der Wohnung ist für dich „mein“ Bereich? Die Ecke, das Zimmer, wo du sagen kannst: „Ja, hier fühle ich mich wohl und sicher.“ Oder auch: „Hier kann ich zur Ruhe kommen.“ Oder auch: „Hier mag ich es, wenn wir uns begegnen.“ Oder: „Hier komme ich richtig in Aktion.“ Was auch immer deinen Bedürfnissen nach eigenem Raum entspricht.
Möglicherweise gibt es eine Ecke, ein Bereich oder ein Zimmer, wo du gerne sagst:
„Hier funkt mir keiner rein! Hier darf nur ich verändern und gestalten.“ Oder ist dir das vielleicht gar nicht so wichtig? Spür da ruhig einmal hin, wie es wirklich ist!
Je nachdem, ob ihr über eine große Wohnung, ein großes Haus mit vielen Zimmern verfügt, oder ob ihr euch eine kleine Einzimmerwohnung teilt, können nun ganze Zimmer, vielleicht aber auch einfach ein Bord eines Regals und dein Lieblingsstuhl „Dein Raum“ sein, in dem du bestimmte Dinge gern erlebst oder tust.
Und schließlich:
Gestaltet euch Zeiträume,
Über das, was deinen inneren Raum ausmacht. deine Bedürfnisse, Wünsche, Visionen, Ängste.
Vielleicht lösen sich darüber ja sogar langjährige Missverständnisse auf.
(Denke nur an die obere Brötchenhälfte, die wir so oft dem Partner überlassen, weil wir denken, er oder sie möge diese lieber als die untere Brötchenhälfte!)
Tausche dich mit deinem Partner über eure jeweiligen Raumbedürfnisse aus. Vielleicht gibt es Überschneidungen oder Raumkonflikte? Wie lassen sich diese lösen?
Welche Ideen lassen sich entwickeln? Vielleicht lässt sich z.B. die Nutzung des Regals im Wohnzimmer anders aufteilen? Und vielleicht lassen sich Zeiträume vereinbaren, in denen derselbe Bereich einmal „mein“ Raum und einmal „dein“ Raum ist?
Wie andere Räume auch, haben Zeiträume eine Begrenzung, einen Anfang und ein Ende.
Die Bewusstheit über die Grenzen – das ist auch wichtig für alle Räume, die ihr miteinander gestaltet. Auch dann, wenn ihr Grenzen gemeinsam überschreitet, verschiebt oder neu gestaltet.
Indem du dir selbst die Freiheit verschaffst, deinen eigenen Raum zu gestalten.
Dadurch wird es dir auch im partnerschaftlichen Miteinander leichter fallen,
deinem Gegenüber diese Freiheit einzuräumen.
Und gleichzeitig weißt du vielleicht besser, was du gerne bewusst gemeinsam mit deiner Partnerin erleben willst.
